Donnerstag, 22. November 2012

Córdoba: Rückkehr ist kein Gedanke, es ist Pflicht!

Ich bin zu groß für dieses Land. Der normale Argentinier wächst selten über eine Größe von 1,80 hinaus. Regelmäßig muss ich mich dort ducken, wo andere springen könnten. Nun liege ich krumm und schief auf einem Liegesessel. Der Sitz vor mir raubt mir die Beinfreiheit, also ragen meine Beine links und rechts daran vorbei. Sehr bequem! - nicht.

Ich bin für 4 Tage nach Córdoba gereist. Der 2. größten Stadt Argentiniens. Mein Arbeitgeber hat dort zusammen mit unserem Partner eine Konferenz über Wasser organisiert. Nutzung, Schutz, Bergbaufolgen, Gletscherregelungsgesetze (Wow vier G's in einem Wort). Das hat alles sehr viel Geld gekostet, deswegen musste ich mit dem Bus fahren. "Das ist wie ein Bett", sagte man mir, "wirklich sehr bequem." Ich wurde belogen. 9 Stunden dauert die Fahrt - ein bisschen länger als eine Fahrt von Hamburg nach München.


 
Um 7 Uhr morgens kommen wir (Meine Mitpraktikantin und ich) in Córdoba an. Es ist zu früh um in unser Zimmer zu gehen, also vertreiben wir uns die Zeit mit Sightseeing und Internet. Córdoba gefällt mir. Es ist eine Millionenstadt, aber das sieht man dem Stadtkern nicht an. Nur wenige Hochhäuser ragen in den blauen Sommerhimmel. Ja, Sommerhimmel. Es ist wahnsinnig heiß hier und es wird noch schlimmer.


Wieder zurück im Hotel werde ich freundlich begrüßt. Man kennt mich bereits im Büro unseres Partners. "Hola Marten" heißt es von hier und von da. Jetzt heißt es wieder küssen. Manch einer zwinkert mir sogar zu. Charmant und doch beklemmend. Schnell machen sich alle fertig und los gehts zur Konferenz. Die Eröffnungsworte hält der Gouverneur der Provinz Córdoba (Stadt und Provinz haben den gleichen Namen). Nicht schlecht. Fleißig gehe ich meiner Arbeit nach, schreibe mit, mache Fotos. Man hat extra einen deutschen Experten eingeladen. Sehr nett und humorvoll. Mich begeisterte die Fähigkeit komplexe Zusammenhänge runterzubrechen.
"Schmeiß dich an den ran!", flüstert mir meine Chefin zu.
"Bitte was?"
"Na das ist ein wichtiger Mann. Du weißt doch: Kontakte sind wichtig."
"Ich hab ihn doch schon zur Begrüßung geküsst. Reicht das nicht?"




Abends verabschiedete sich das Büro geschlossen vom Experten mit einem Weinumtrunk. Meine Chefin und der Berliner unterhielten sich über ihre persönlichen Erfahrungen mit der DDR. Einerseits wahnsinnig interessant, andererseits auch das Letzte was man hören will, wenn man 5 Stunden Schlaf im Bus gekriegt und den ganzen Tag gearbeitet hat. Dazu noch die betörende Wirkung des Weins. Ich schlief später wie ein Stein.
Den zweiten Tag der Konferenz habe ich dann schon mit der Vorarbeit verbracht. Ich unterhielt mich mit Erich, einem älteren Herren. Es stellte sich heraus, dass Erichs Vater Soldat auf dem Panzerschiff Admiral Graf Spee war. Er konnte sogar etwas deutsch. Nur hab ich ihn dann noch weniger verstanden als vorher. Ich habe mit ihm ausgemacht einen Tagestrip am Sonntag zu machen. Seine Tochter Natalia sollte auch mitkommen.
Ich wollte unbedingt raus und das Nachtleben kennenlernen.


Und es klappte. Über 1-2 Ecken (ein Couchsurfingkontakt und eine der Praktikantinnen aus Buenos Aires). Wir platzten direkt in eine B-day Party. Der CS-Typ fragte ein Mädchen, wer denn Geburtstag habe. Man kam ins Gespräch bis er auf mich zeigte und meinte "er ist Deutscher". Das Mädchen - die Augustina - quiekte entzückt. Ihr Freund spreche Deutsch und sie zog ihn zu mir. Das war der Moment einer wunderbaren Männerfreundschaft. Tomas - so heißt er - und ich haben uns perfekt verstanden. Zwar spricht er nur ein bisschen deutsch, aber mein Spanisch hat das fehlende ergänzt. Ich habe ihm einen großartigen Abend zu verdanken. Und eventuell, werde ich für Silvester wieder nach Córdoba fahren....mit dem Bus.


Mit einer fast schon greifbaren Fahne und klitzekleinen Igelaugen schlurfte ich Sonntag morgen in den Frühstücksraum des Hotels. Los gehts mit dem Tagestrip. Ich weiß nur noch, wie ich die Autotür schloss. Dann wachte ich mit Nackenschmerzen wieder auf. Aber der Wahnsinn. Córdoba (die Provinz) ist wahnsinnig schön. Hügellandschaften, Flüsse und Seen. Ich vermisse das Meer.
Von einem Aussichtsturm haben wir einen Superausblick auf die Landschaft.


Weiter gehts ins Villa Belgrano. Das Dorf der Deutschen. Für den Argentinier besteht Deutschland scheinbar nur aus dem Panzerschiff Admiral Graf Spee, Schokolade und Bier.
Dennoch ein schöner Ort. An der Architektur sieht man, dass hier viele Menschen mit deutschen Wurzeln leben.
Auf der Rückfahrt halten wir in Alta Gracia. Eine ganz süße - ja, süß!- Stadt.
Wir halten vor einem Che-Museum. Es ist geschlossen. Wir fahren weiter.




Wieder in Córdoba (der Stadt) suchen wir uns ein Hostel, in dem wir ohne Probleme unterkommen. Zu zweit im 8er Zimmer zu schlafen ist auch ganz nett. Am nächsten Tag erkunden wir etwas die Stadt und machen Siesta in einem Park. Es ist erneut wahnsinnig heiß. Ich weiß in Deutschland ist es grau und kalt, und man wünscht sich Sonne, aber das ist echt nicht zum aushalten.
Am Abend treffe ich nochmal die Leute vom Samstag aus dem Club, Tomas und Co. Ich merke schnell. Ohne Bier ist es deutlich schwerer sich zu unterhalten, aber es klappt. Wir sprechen über meine Rückkehr nach Córdoba. "Versprik es!" forderte Tomas.
"Eine Rückkehr ist kein Gedanke, es ist Pflicht!", heißt es von Erichs Tochter später in Facebook.

Auch wenn sie es nicht lesen, aber trotzdem danke an Erich und Natalia für den tollen Ausflug und danke an Tomas und Augustina für die tolle Party.
Ich werde wieder hinfahren.

Am Omnibusterminal stehend sehe ich den Bus kommen. Unweigerlich muss ich an Dante denken. Hab mich für meine letzte Prüfung damit beschäftigt. Über dem Tor zur Hölle steht geschrieben: "Ihr die ihr eintretet, lasst alle Hoffnungen fahren."
Dass ich diese Worte über der Einstiegstür des Busses nicht finde, beruhigt mich wenig.
Um 7 Uhr morgens wieder in Buenos Aires gehen wir direkt ins Büro. Nach Hause fahren würde sich nicht lohnen. Es herrscht aber Generalstreik in der Stadt. Das Büro ist nur sperrlich besetzt.
So kriegt wenigstens niemand meinen Schlafmangel zu spüren.  

Sonntag, 11. November 2012

Buenos Fucking Aires

Diesen spaßigen Kühlschrankmagneten habe ich in La Boca gefunden. Es ist hier das, für Touristen jüngst hergerichtete, Hafenviertel.

Mit meiner Mitpraktikantin fahre ich am Sonntag nach La Boca. Es wird als einer der Must-Have-Seen Plätze der Stadt gehandelt. Ich bin gespannt. Erneut ist es wahnsinnig heiß. Am Ende des Tages werde ich Sonnenbrand haben.








Bereits in der Bahnhofstation "Constitución" beginnt es. Armut ist Buenos Aires ein Problem wie überall auf der Welt. In welchem Grad kann ich nicht beurteilen, aber für mich war es schon schlimm. bereits im Zug liefen bettelnde Kinder rum, teilweise ohne Schuhe. Im Bahnhof selbst, lebten teilweise ganze Familien auf Matratzen in Seiteneingängen.



Um sich was dazu zu verdienen, sortieren die Obdachlosen hier den Müll. Sie ziehen selbstgebaute Wagen durch die Straßen und verkaufen bei Depots dann die Pappe."Cartoneros" nennt man sie, glaube ich. Hier links im Bild. Ich habe hier öfters schon Obdachlose gesehen, aber eine ganze Familie?




Der Falklandkrieg ist hier unvergessen.
Auf dem Weg zum Caminito, der Touristenattraktion muss man durch viele Seitenstraßen gehen. Sind wir hier richtig?, frage ich mich. Straßenhunde liegen in der Sonne, Anwohner grillen in alten Ölfässern und die Gehwege könnten aus Deutschland 1945 sein.
 Und dann direkt daneben die Touristenmeile. Restaurant an Restaurant und jeder Laden bietet die gleichen Touristendinge an. Bilder, Karten, Anstecknadeln.
Es ist wirklich schön anzusehen, wie es kleine Seitenpassagen gibt und alle Häuser bunt anzusehen sind. Aber das alles nur 2 Straßen vom (noch gehobenen) Elend weg?



Einen zweiten Trip nach La Boca werde ich wohl nicht unternehmen. ... und wohl auch nicht empfehlen.

Ride the Tiger

Am letzten Samstag bin ich mit meiner Mitbewohnerin und den Mädels aus der Arbeit nach Tigre gefahren. Es ist eine kleine Stadt, ca. 30km von Buenos Aires weg, die am Mündungsgebiet des Rio Luján liegt. 30km und dennoch wie eine andere Welt.

Wir treffen uns am RetiroBahnhof in BsAs und fahren gemeinsam los. Es ist Wochenende und der Andrang ist groß. Auch das Wetter hat einen totalen Umschwung vollführt. Es ist wahnsinnig warm und es besteht die Gefahr auf einen Sonnenbrand. Für die 30km brauchen wir eine Stunde, man kann sich also vorstellen, wie schnell die Bahn war. Jedoch ist es erneut spottbillig. Transport, oder zumindest naher Transport, ist hier wahnsinnig günstig. Ich werd mal sehen, wie weit sich das ausnutzen lässt.

Die Fahrt geht dank Gespräche und einigen Musikmachenden Fahrgästen relativ schnell um und wir landen in Tigre.


Seit langem sehe ich wieder Wasser und ärgere mich auch nur wenig über die braune Farbe. Die Flüsse hier sind leider alle braun...da fehlt mir selbst das Rostocker Hafenwasser. Das war immerhin blau.
Tigre soll für 2 Sachen bekannt sein: Möbel und Früchte.
In der Tat werden auf einem Markt sehr viele Möbel angeboten, die alle aus dunklem Holz hergestellt sind. Ich stelle mir vor, wie manche Möbel in meiner Wohnung aussehen würden, bis ich merke....welche Wohnung egtl?
Ich habe ja in Deutschland gar keine.

Wir machen eine kleine Pause in einem Restaurant und ich bestell mir wieder Choripan. Yeah!


Dann schlenderten wir weiter durch die Stadt und entschieden uns eine Bootsfahrt zu machen. Es war der Wahnsinn.
Mit 2 anderen Herren waren wir die Einzigen auf dem Boot und sind knapp eine Stunde unterwegs gewesen. Das Mündungsdelta ist ein Landstück durchzogen von Flüssen. Es gibt also überall kleine Inseln, die auch für Touristen zu mieten sind. Alte Flussdampferwracks rosten in manchen der kleinen Buchten vor sich hin. Jetskis brausen an uns vorbei, andere Touristendampfer kommen uns entgegen.
Es war einfach kein Vergleich zum Stadtleben in Buenos Aires. Dabei ist es auch noch so einfach dort hinzukommen. Ich werd auf jeden Fall wieder hinfahren.

Der Rückweg war etwas schwieriger. Eine Bahn fiel aus wegen Personenschaden. Eine andere wegen technischen Problemen. Noch immer brannte die Sonne. Die Zahl der wartenden wuchs. Es ist schon was anderes als in Deutschland. Die Deutsche Bahn ist bei weitem nicht perfekt, aber wenn ich mit der iwo stecken bleibe, weiß ich, dass ich iwie dorthin komme, wo ich hin will.

 Bald kommt jedoch die Bahn und es heißt eine Stunde stehen, weil kein Platz mehr frei ist. In Argentinien werden Frauen, bzw. älteren Damen und Herren ohne Kompromisse immer vorgelassen. Das find ich sehr angenehm, heißt aber für mich, dass ich immer stehen muss. Manchmal wäre es auch schön, wenn ich sitzend zur Arbeit kommen könnte, aber ich bin ja noch jung. Ich halte das aus.

Auch wenn Tigre schön war, freue ich mich auf eine Dusche. Ein heißer Tiger-Tag.

Salat aus Fleisch und Käse

Am Montag, dem 29.10. erreichten die Ausläufer des Tropensturms Sandy Argentinien. Bereits Sonntag Nacht regnete es die ganze Zeit, durch die Nacht in den Tag. Für mich war das eigentlich nichts Neues. Ich hatte schon mal einen richtigen Schauer mitbekommen, nur hörte der auch auf. Sandy nicht.
Ich stand auf, ging zur Arbeit und sah schon die Pfützen und die Flüsse, die auf den Straßen entstanden waren. Durch den Regen wollten natürlich weitaus mehr Leute die Busse nutzen als sonst. Ich musste sehr lange darauf warten, dass ein Bus kam, der nicht total überfüllt war.
bei der Arbeit angekommen, wartete ich auf meine Chefin. Erst beim Checken der Nachrichten stieß ich auf das ganze Ausmaß des Unwetters. Reihenweise Stromausfälle, was auch die U-Bahn mit einbezog und ganze Straßen unter Wasser.

Bild aus der Tageszeitung La Nacion - mit der 59 fahre ich öfters zur Arbeit.
Und bei dem Wetter sollte es nach Rosario gehen. Das kann ja was werden mit den Straßen. Meine Chefin und ich begaben uns zum Auto unserer Firma. Es wird von den Mitarbeitern auch privat genutzt, wenn sie dafür aufkommen können. In dem Auto wurde ich daher auch abgeholt.
Meine Chefin meinte, dann zu mir: "Achja, wenn es komisch riecht nicht wundern. Meinen Kindern ist Milch ausgelaufen." Und es stimmte! Das Auto roch nach einer Mischung aus ranziger Milch und altem Käse. Toll und das auf 3 Stunden Fahrt.

Nach einiger Zeit konnte ich mich dann doch daran gewöhnen und schwatzte fröhlich mit meiner Chefin. Sie erzählte aus ihrem Privatleben, wir diskutierten über die Kulturunterschiede, die Sprache, zukünftige Projekte, meine geplante Reise nach Chile und über mein aktuelles Liebesleben...
Auf dem Weg sahen wir die Armenviertel vor der Stadt, überschwemmte Felder, Müllberge, aber auch Tankstellen mit Gratis W-Lan. Sowas gibt es in Deutschland nicht.

Rosario selbst, ist eine kleine Stadt. Die Gebäude sind nciht so hoch und generell kommt man überall schneller hin. Das Einzige, was ich über Rosario wusste, war, dass es ein Monument gibt. Ich denke mir okay, wir haben jetzt noch eine Stunde Zeit, ich geh mir das mal ansehen.















Es ist wahnsinnig groß. Ich hab es mega unterschätzt. Es ist ein riesiger Turm und ein Großer Platz mit Palast. Not bad, Rosario.

Ich komme grade rechtzeitig zurück, um mich kurz umzuziehen. Die Veranstaltung selbst, war eine Enttäuschung. Es kamen nicht so viele Besucher, wie erwartet. Meine Chefin war davon sichtlich genervt. Dann sagt noch zu mir, dass ich doch ein Foto machen solle, auf dem der Saal voll aussieht. Ja toll, zaubern kann ich nicht.

Wieder im Hotel stehle ich mich davon, um die Bilder der Veranstaltung bei Facebook hochzuladen. Wieder zurück, bestellt meine Chefin grad einen Salat nach Art des Hauses. Ich musste wirklich etwas lachen, als sie dann eine Platte aus Fleisch und Käse kriegt. So stellt man sich in Argentinien also einen Salat vor.

Auf dem Rückweg nach Buenos Aires, kamen wir erneut an den Armenvierteln vorbei. Man sieht richtig, wie die Luft immer grauer wird, je näher man in die Stadt kommt. Umweltschutz ist hier ein Fremdwort.
Wir fahren direkt zu einem Forum über aktuelle Politik weiter. Weil ich aber sowieso schon müde war, und ich die Wirkung eines Gläschen Weines unterschätze, bin ich sehr müde. Der Redner ist sympathisch, aber ich kann net wirklich folgen. Ich bin froh, als ich Zuhause im Bett liege.