
Offiziell ist der Zug die einzige Möglichkeit, um nach Aguas Calientes zu kommen. Von dort aus geht es endlich zum Ziel: dem Machu Picchu. Laut anderen Couchsurfern soll es noch einen Bus geben, der aber wohl bedeutend länger braucht als der Zug, da er die ganze Bergkette umfahren müsse. Die Zeit habe ich nicht. Als bleibt mir nur der Zug. Hin- und Rückfahrt ca. 100 US-Dollar. Hui, wenn das die Argentinier wüssten. Ich bin noch immer in Olleytantambo. Mit Sack und Pack stehe ich an der Haltestelle. Auf Spanisch frage ich einen Bahnhofsmitarbeiter, wo ich denn hinmüsste. Er scheint erleichtert, dass ich ihn auf seiner Muttersprache anspreche. Der Zug rollt ein und spuckt eine Ladung Touristen aus. Ich sehe Camelbags, Wanderstöcke, Sonnenbrillen, Hüte - wie hab ich bis hierhin nur überlebt ohne all das Zeug - und soweit man das oberflächlich festzustellen vermag, jede Nationalität dieser Welt. Der Tourismus blüht.
Der Zug ist eine Attraktion. Äußerlich grün gestrichen, beherbergt er Sitzreihen aus weichem hellbraunen Leder. Das Personal ist uniformiert, die Damen überschminkt. Da ich einen festen Sitzplatz habe, schaue ich zu, wie sich alle regelrecht in den Zug drängen, um dann als einer der letzten Passagiere den Zug zu betreten. Diese Ruhe habe ich doch tatsächlich von CW gelernt. In Salta schien er damals den Leuten regelrecht was an den Kopf werfen zu wollen, wenn sie sich trotz eines festen Sitzplatzes, der noch immer da gewesen wäre, wenn man als 50. Passagier den Flieger betritt und nicht als erster, lieber um einen besseren Platz in der Schlange bemühten. Typische CWische Ironie, dass er, sich aufregend, doch Ruhe fordert.
Ich habe einen Fensterplatz und stoße ein freudiges "Yeah!" aus, als mir das bewusst wird. Ich setze mich und begrüße meine Mitreisenden. Neben mir sitzt ein junger
Robin Williams, der sehr müde zu sein scheint. Mir schräg gegenüber sitzt
George Takei aus einem Paralleluniversum, in dem er Bibliothekar wäre. Der Jugendliche, der mir direkt gegenüber sitzt, sieht aus wie
Bruno Mars. Vom Hostel in Cusco trage ich noch immer das Armband, was mich als Gast kennzeichnet. Bruno trägt ebenfalls so eins. "Wuuuh Hostel Friends", sage ich. Wir kommen ins Gespräch. Bruno lebt in England, ist aber in Paris geboren. Während seiner Reise nach Peru hat er Robin kennengelernt, der neben mir friedlich schlummert, und dessen Freund kennengelernt, der wie
Bradley Cooper aussieht. Dieser ist drei Reihen hinter uns mit einer buten Sonnenbrille auf der Nase ebenfalls eingeschlafen.
Bruno und ich werden Freunde und quatschen die ganze Fahrt. Am Urabamba vorbei fahrend, passieren wir Felder, Berge und kleinere Dörfer, schneebedeckte Bergspitzen und eine langsam untergehende Sonne. Bruno ist so abgelenkt, dass er sich Kaffee auf die Hände kippt. Robin schläft und George ebenso.
Es ist schon dunkel als wir endlich in Aguas Calientes ankommen. Die kleine Stadt, tief im Innern Perus, versteckt zwischen Bergen und von einem Fluss gespalten, wird in meinem Reiseführer als die hässlichste und teuerste Stadt Perus beschrieben. Warum? Tourismus.
Als Norddeutscher bin ich noch immer ganz irritiert, wenn sich vor mir ein Berg erhebt. Mit der Höhe selbst habe ich hingegen nie Probleme gehabt. In Jujuy war ich auf 4000m über dem Meeresspiegel. Hier sind es nur 2090m. Am Bahnhof schreien Hostelguides und Fremdenführer die Namen von Touristen. Es ist schwierig, die Rufe zu verstehen, weil die Namen teilweise furchtbar geschrieben oder noch furchtbarer ausgesprochen werden. Mein Führer mit dem Schild Loki, lässt sich jedoch schnell finden. Meine englischen Schauspielfreunde, die mich mittlerweile mit
Russel Crowe verglichen haben, folgen mir.

Ich empfinde es als Kompliment, wenn man mir sagt ich sehe Russel Crowe ähnlich, auch wenn er doppelt so alt ist wie ich. Man dichtete mir auch schon mal Ähnlichkeit mit
Justin Timberlake an - immerhin nur sieben Jahre. Der sieht man überhaupt nicht aus, wie Russel Crowe. Sehe ich dann so aus?
Die Jungs folgen mir in mein Hostel, weil sie noch keines haben und wir teilen uns schließlich ein Zimmer. Vom Hunger geplagt, brechen die drei auf, um was zu essen, während ich im Hostel auf meinen Guide warte. Dieser soll mir am nächsten Tag die Ruinen zeigen.
Das Hostel ist schlicht und nicht sehr schön. Im Hintergrund hört man Wasser toben, die Luft ist sehr feucht. Die Stadt liegt auf einem Hang. Wer oben wohnt, ist meist ärmer und hat keine gute Anbindung. Ebenso das Hostel. Ein großer Mann mit weißer Schirmmütze tritt ein und grüßt den Hostelbesitzer. Sie tuscheln kurz und wenden sich zu mir. "Ich bin dein Guide", sagt er auf Englisch. Sein Name ist Alberto. Auch er war erleichtert, als er erkannte, dass ich spanisch spreche. Er erklärte mir den Ablauf. Wir würden uns treffen, hinauf fahren und dann mit der Tour beginnen. Nach dem Mittag könnten wir dann alleine alles erkunden. Alberto war nett, doch er schien lange überlegen zu müssen, wenn er was sagen wollte. Auch auf Spanisch.
Als wir feststellen, dass mir noch die Bustickets fehlen, gehen wir los, um diese zu kaufen. Nett, dass er mich begleitet. Vor uns müssen wir unter einer Brücke hindurch gehen. Alberto stockt. Bleibt stehen. Sammelt Mut und geht hindurch. Er hätte Angst, dass sie runterfällt, sagte er. Ich nickte verständnisvoll.
Nach dem Kauf meiner Tickets war ich erleichtert. Alles hat bisher geklappt. Ich treffe die Jungs in einem Diner und wir ziehen los, etwas trinken. Vor einer Bar spricht uns ein kleiner Peruaner an. "Happy Hour Happy Hour", ruft er. "4 Pisco Sour für 20 Soles". Ungefähr 5,50€.
Wir zweifelten. Ins erstbeste Lokal? Oder doch weitersuchen. Der Mann bemerkte unserere Zweifel. "Wenn ihr reingeht, kriegt auch ein Foto mit Manuel". Er zeigte auf seinen Rücken. Manuel? Der Peruaner zog seinen Kragen zurück und es starrten uns zwei Augen an. Er hatte irgendein Tier auf seinem Rücken. Ich dachte erst es wäre eine Fledermaus, dann ein Meerschweinchen, bis Bruno es erkannte. "It`s a fucking Monkey." Es war ein Äffchen. Der Peruaner trug ein kleines Äffchen Huckepack.
"Ich kann nicht glauben, dass der Trick mit dem Affen geklappt hat", sagt Brad.
Wir schlürfen Pisco Sour. Reden über Film und Fernsehen. Bruno ist im Flirtfieber und ohne Hemmungen. Er springt von Tisch zu Tisch und flirtet, wechselt sogar von Englisch auf
Französisch. Sein Spanisch ist solala. Sogar Deutsch spricht er. Ein wenig. "Ein Scherz!", ruft er und reißt seine Augen auf. Hat er aus
Inglourious Basterds gelernt. Er imitiert den Schauspieler August Diehl.

Nach insgesamt 12 Pisco Sour, drei für jeden, ziehen wir weiter. Bruno will Spaß, doch das bietet Aguas Calientes nicht wirklich. Im ersten Nachtclub ist nichts los. In einer Bar, die Bruno empfohlen wurde, ist nichts los. In zweiten Nachtclub gibt es eine Gruppe Jugendlicher. Bruno tanzt, kriegt einen Korb. Es ist nichts los. In seiner Verzweiflung sucht er nun noch etwas zu Rauchen. Ebenfalls erfolglos und doch ist er treibende Kraft unserer Gruppe. Nach einer Weile resigniert er. Wir kehren um und gehen wieder ins Hostel. Hinter und vor uns ragen die Berge in die Nacht.
Morgen geht es nach Machu Picchu.