Freitag, 28. Dezember 2012

Rumtreiberfragmente: Martín, Martin, Marten

Buenos Aires. Später Abend. Ich fahre mit dem Taxi heim und plaudere mit dem Taxifahrer. Ich habe ein bisschen Wein getrunken, was meine Spanischkenntnisse - zumindest aus meinen Augen - unglaublich fördert. Wir sprechen über Arbeit, Europa und Buenos Aires. Dass ich Ausländer bin, hat er schon beim Einsteigen erkannt, als ich ihm meine Straßenecke sage.

-"Wie heißt du?", fragt der Fahrer am Ende unserer Fahrt.
-"Ich heiße Marten. Freut mich!"
-"Martin?", stutzt er.
-"Nein, nein. Marteeeen", betone ich,"mit Eeee!"
-"Martín?", fragt er.
-"Nee fast. Wie Martin nur halt mit E."  
Jetzt muss er es aber haben.
-"Warte mal. Also ist es Martín oder Martin?"  
Ich resigniere.
-"Ja, Martin ist richtig."

Beim Aussteigen werfe ich einen letzten Blick auf den Aushang der Fahrerinformationen:
Xalvador Teodoro Gualterio. Und meinen Namen versteht der nicht?

Marty in Chile. Kapitel 3 - Von Bergen und Kraken

Im Reiseführer fand ich den Tipp, doch unbedingt mit der Seilbahn über Santiago zu fahren. Dafür müssen wir auf den Hügel San Cristobal. Wir lassen uns bei einer Affenhitze durch die Stadt treiben, bis wir den Hügel erreichen. Ich erfahre, dass die Seilbahn kaputt ist. Natürlich sagt man nicht, dass sie kaputt ist. Man sagt, sie werde repariert.

Die Aussicht ist beeindruckend. Wir sind keine 1000 Meter über der Stadt und können doch alles überblicken. Am Horizont verschwimmen die umliegenden Bergipfel, der ein oder andere ist sogar schneebedeckt.


Auf dem Berg steht die 19meter große Statue der Heiligen Maria. Alle sind im Weihnachtstrubel. Es steht ein Krippenspiel bereit, Vorbereitungen für ein Konzert werden getroffen. Wir pilgern zu der Statue und stehen am höchsten Punkt. Ich höre auf deutscher Sprache das Wort "geschmolzen" und sehe, wie eine Dame mit einem Chilenen Schokolade isst. Man kommt ins Gespräch: Warum sind Sie hier? Was machen Sie hier? CW beteuert weiterhin ein Argentinier, bzw. ein Buenos Airesianer zu sein. Porteños (von Puerto ("Hafen") abgeleitet), nennt man diese in Argentinien. Es wird ihm nicht geglaubt. Er versteht nicht, warum.  

Man diskutiert über die chilenische, die argentinsiche und die deutsche Kultur. Eine sehr nette Dame. Sie empfiehlt uns ein Restaurant, in das wir später gehen werden.

Zuvor jedoch der Abstieg. CW will nicht den gleichen Pfad wieder zurücknehmen, den wir heraufkamen. Also bedienen wir uns eines Schleichweges. Die Sonne knallt auf uns herab. Ich verbrenne mir wahnsinnig die Schultern. CW die Nase, die Stirn...das Gesicht. Er ist nun eindeutig als Tourist zu erkennen. Vielleicht ist sein Verstand auch überhitzt. Er ruft mich ständig mit dem Namen "Klaus".



Nachdem er wieder 2 completos (Hotdogs) als Stärkung brauchte, kauft er sich zudem noch einen Sonnenhut. Da er kein Geld hat, muss ich ihn zahlen. Sonnenbrand, Touristenhut, starker deutscher Akzent, mangelndes Spanisch und dennoch: CW ist Porteño. Klar!

Abends gehen wir in das Restaurant und es ist wirklich interessant. Ein ehemaliger, bzw. noch intakter und lediglich umgebauter Frisörsalon, als Restaurant. Ich versteh nicht ganz, was das für Tiere auf der Karte sind. Kenne ich doch den maritimen Wortschatz noch nicht. Ein Kellner erklärt mir, was ein Pulpo, ein Kraken ist.

"Un Calamar", sagt er und formt mit den Händen eine Kugel. Dann schaute er mich an, freut sich riesig und sagt "un calamar grande"...Leicht verwirrt bestelle ich Fisch. CW den Kraken.
Ich nerve ihn mit der ständigen Wiederholung des Filmzitates: "Unleash the Kraken!"

Ich trinke mein erstes chilenisches Bier. Es ist okay. Gibts auch Wein?

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Marty in Chile. Kapitel 2 - Die Ankunft

Wir landen in Santiago. Müde und ausgezerrt. Schlafen im Bus ist nicht unbedingt so meine Sache. Man schläft zwar, aber entspannt fühlt mich sich trotzdem nicht. Im Reiseführer lese ich, dass Santiago vier Terminal für Busse hat. Wo sind wir denn jetzt? Ich versuche mich zurecht zu finden, da beginnt CW bereits zu meckern.

"Wo sind wir denn?", fragt er.
"Ich weiß nicht, ich muss mal schauen."
"Wieso weißt du das nicht?"
"Weil es hier vier Terminals gibt."
"Ich dachte, du hättest die Reise geplant."
"Ja, aber ich war trotzdem noch nie hier!"
So ging das dann noch 15 Minuten.

Wir finden uns zurecht, fahren U-Bahn. Deutlicher schicker und entspannter als in Buenos Aires. Landen am Plaza de Armas, einem der Hauptplätze der Stadt. Unser Hostel wird als Geheimtipp gehandelt. Und wirklich...es bietet eine tolle Sicht auf den Platz.


Wir erkunden die Stadt. Anders als Buenos Aires hat Santiago kein Blocksystem in den Straßen. Buenos Aires ist wie ein Schachbrett aufgebaut. Ähnlich wie New York. Santiago nicht. Auf dem Platz herrscht geschäftiges Treiben. Clowns springen durch die Gegend, eine Band spielt, Menschen versammeln sich, es wird getanzt. "Haben die alle keine Arbeit?", fragt CW. Ich schweige.

In der Fußgängerzone kauft sich CW einen ... ich weiß gar nicht richtig, wie das heißt. Ah! Mote con Huesillos. Danke Wikipedia! Es handelt sich dabei um einen Saft aus Getreide, mit Getreide und Pfirsich. Wie wild trinkt CW den Saft, rührt das Getreide jedoch nicht an. Es sei ihm suspekt, sagt er. Warum dann überhaupt kaufen? Ich esse es auf.

Es schmeckt nach nichts, Konsistenz von Müsli. CW will sich später noch einen kaufen, sieht aber, wie ein Obdachloser sich selbst einen Becher mixt und stellt dann erschreckend fest, dass Mote con Huesillos in seiner Optik von Erbrochenem nicht zu unterscheiden ist.  
Nun spuckt er aus, sobald wir einen Stand passieren.


Er findet jedoch Gefallen an Completos - Hotdogs. In Argentinien nennt man sie Panchos. Stets zu später Stunde treibt ihn noch der Hunger um und er holt sich zwei Completos oder Süßigkeiten. Für einen Completo braucht er keine 60 Sekunden. Japsend, mehr schluckend als kauend, verschwinden sie in Windeseile in seinem Innern. Zu seiner Verteidigung: CW ist Familienvater. Da hat man nicht viel Zeit für sich selbst.


Auf dem Weg durch die Stadt landen wir plötzlich auf einem Open Air. Es geht um ein politisches Ziel. Ein Bauprojekt in Patagonien - auch in Chile gibt es Patagonien - soll verhindert werden. Erneut begeistert mich der politische Wille des Kontinents. Lateinamerika hat so viele Militärputsche erlebt, dass einem schwindlig werden könnte. Dementsprechend groß ist der Wille der Jugend und des Volkes sich zu beteiligen. Beneidenswert, wenn man sich Wahlbeteiligungen in Deutschland anschaut.


Abends wieder im Hostel streife ich durch die Räume. Seit unserer Ankunft, sitzt ein Amerikaner ständig im Gemeinschaftsraum vor Facebook. Morgens wie Abends in der gleichen Position.  CW spottet. Mir ist es egal. 

Auf dem Balkon treffe ich auf ein kleines Kätzchen und schließe Freundschaft. Es ist gar nicht so schlecht hier.

Marty in Chile. Kapitel 1 - Die Fahrt

Als Praktikant besitze ich ein Touristenvisum. Es ist 90 Tage gültig. Nach Ablauf dieser Zeit, bin ich illegal im Land. Ich muss also alle drei Monate das Land verlassen und wieder einreisen um erneut 90 Tage bleiben zu dürfen. Ein Umstand der mir viele Erfahrungen beschert, aber mich auch einiges kostet. Die Fahrt nach Chile ist nämlich nicht günstig.
Egal, ich mach es trotzdem. Auf nach Chile.

Durch die wahnsinnigen Distanzen in Lateinamerika - Von Buenos Aires nach Santiago immerhin 1550 km - reist man entweder mit dem Flugzeug oder mit dem Bus. Wir entscheiden uns für den Bus. Warum? Es ist teurer und dauert länger, aber wir fahren durch die Anden.
 

Ich reise mit dem Mann meiner Chefin - CW. Seines Zeichens Journalist, Philantrop und Nervensäge. 10 Jahre trennen uns vom Alter her. Die Mentalität ist oft gleich. Man redet über Frauen, über Filme und über schlechte Witze. Ab und zu jedoch auch über gesellschaftliche Themen, wie dem Fall der FDP, der gesellschaftlichen Rolle des Judentums und über den Journalismus. Ich hab als Gepäck einen Rucksack. CW einen Trolley. Bei den Fußwegen, die in Lateinamerika an Super-Mario-Level erinnern, ist das eine schlechte Idee.

Wir brechen um 17 Uhr in Buenos Aires auf. Erhalten 2 großzügige Sitze - direkt vor der Toilette - und fahren los. CW ist seit Juni in Buenos Aires und hat sich bereits integriert. Ein wenig zu sehr vielleicht. Die Sprache spricht er noch mit einigen Problemen, aber er trinkt den Mate-Tee ( wie man ihn in Argentinien nicht nennen darf) wie ein Suchtpatient. Und auch als einziger im Bus. Keiner sonst wagt den Versuch, bei 100km/h im fahrenden Bus mit Pulver, Becher und heißem Wasser zu hantieren. Er verschüttet das Pulver, kippt sich Wasser auf die Hose, kippt den Becher um, wieder und wieder. Überall ist gründer Schlamm. Wir werden von den übrigen Reisenden belächelt. Danke CW.

Es ist 22:30 Uhr. Ich versuche zu schlafen, aber der Reisebegleiter spielt einen Film ein. Ich habe nun wirklich keine Lust einen Film mit The Rock zu schauen.

Ich frage den Reiseleiter, ob er den Film leiser machen könnte.
Er antwortet. Ich verstehe kein Wort. Er ist Chilene. Er redet mit geschlossenem Mund.
Er schaltet unseren Fernseher aus - jede Sitzreihe hat einen eigenen - der Ton dröhnt weiter. Dieser sei nicht abzustellen. Im Halbschlaf warte ich, bis der Film endlich vorbei ist, um einzuschlafen.


Die Fahrt durch die Anden ist klasse. Ich habe noch nie oft Berge gesehen. Ich bin auch ein Nordlicht. Von daher begeistern mich die Täler und Berge sehr. Ab und zu, wie eine Marslandschaft. Nur ohne Rot.


Am Grenzübergang dauert alles ein wenig. Ich stelle fest, dass ich den Großteil meiner Reiseverpflegung nicht mit ins Land bringen darf.

"Ich hab hier Sandwiches. Darf ich die mitnehmen?"
"Was ist denn drauf?"
"Mozarella."
"Nein." Der Zollbeamte schmeißt mein Sandwich in den Müll.
"Und Schinken?"
"Nein." Das nächste landet im Müll.
"Ich hab auch noch Bananen."
"Bananen? hmmm. Nein!" Im Müll.
"Aber meine Bananen...." Zu spät.


Im Bus kriegen wir dann ironischer Weise Sandwiches. Sie schmecken mir nicht. Meine waren besser.
Ankunft in Santiago.

Freitag, 7. Dezember 2012

Schnupper Gas, Bösewicht!


Es regnet.



Nicht wie in Deutschland ein bisschen. Es regnet in Strömen und wenn, dann auch nur so. Buenos Aires ist eine Millionenstadt und existiert seit 1536 (Danke Wikipedia!). Nur Gott weiß, warum diese Stadt nie auf Regen vorbereitet ist.
Die Abflüsse nehmen nach kürzester Zeit kein Wasser mehr auf. In Sturzbächen läuft es die Straßen hinab und sammelt sich in riesigen Pfützen an den Straßenecken. Manchmal wird da selbst für mich der Sprung darüber heikel. Tiefergelegene Straßen sind vollkommen überflutet. Notdürftig geflickte Straßenschäden reissen wieder auf. So tat sich mitten auf der Straße ein Loch auf, in dem locker ein Kinderwagen hätte verschwinden können. Das Wasser läuft in den Untergrund und beschädigt Stromleitungen.
Ampeln funktionieren nicht. Auch in unserem Büro flackerte kurz das Licht. Die U-Bahn bleibt auch nicht verschont und fährt gar nicht. Die Massen von Menschen versuchen nun auf die Busse und Taxis der Stadt auzuweichen. Die Busse sind gnadenlos überfüllt, der Verkehr verstopft, nichts bewegt sich. Und es regnet.

Als wäre das nicht genug, erreichte uns gestern ein komischer Geruch. Ich dachte, jemand aus der Nachbarschaft würde kochen, riss die Fenster auf. Keine gute Idee. Unser Portier - fast alle in Argentinien haben einen Encargado, eine Art Türsteher und Hausmeister - kam dann mit der Meldung, wir sollen die Fenster schließen. Es wäre eine Giftwolke über der Stadt. Im Hafen der Stadt ist ein Container mit Inzektiziden in Brand geraten. Die Dämpfe haben sich, trotz des Regens, auf die Stadt verteilt. Ich habe Bilder aus der Tageszeitung La Nación gesammelt.





    
Langsam kriege ich den Eindruck, dass das Land mich nicht mag. Unerträgliche Hitze, starke Stürme, mein Fast-überfahren-Counter ist auf 5 gestiegen und gestern steckte ich für fast 30min im Fahrstuhl fest.
Aber ich übertreibe. Ich fühle mich inzwischen recht wohl und man gewöhnt sich schnell an das Leben hier. Bald werden meine Mitpraktikantinnen sowie meine Mitbewohnerin abreisen. Ein bisschen traurig werde ich da schon. Hat man doch teilweise die Stadt zusammen erkundet.

Zuhause angekommen - Taxis, U-Bahn und Busse fuhren ja nicht - war ich klatschnass, aber erleichtert. Der Himmel war dann doch etwas gruselig. Ob das noch am Gas lag?