Dienstag, 19. Februar 2013

Reise nach Bolivien: Teil 1 - Salta-stisch

Wir sind in Salta, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz angekommen. Der Flug war schnell um, die Gespräche drehten sich erneut um Politik (CW wollte mit Wissen glänzen), Frauen (CW wollte auf dem Laufenden bleiben) und Essen (CW hatte Hunger).


Auch bei CWs Blog veröffentlicht.




Salta




CW: Saltas Plaza 9 de Julio mit ihren Palmen, Araukarien und Johannisbrotbäumen soll sehr hübsch sein, steht im Reiseführer. Ja ja, hübsch, das Plätzchen. Ich habe Hunger, und gleich geht die Sonne unter. Ich bin gespannt auf die regionale Küche: Ob in Salta Superpanchos, die argentinischen Hotdogs, anders schmecken als in Buenos Aires?  



Herr T.: CW scheucht mich so schnell wieder aus dem Hotel, dass ich gerade noch meinen Rucksack ins Zimmer werfen kann. Hunger kennt kein Pardon. 

CW: Mein Superpancho mit geriebenem Käse, Mais, Oliven und zwei unbekannten Spritzsoßen aus Plastikflaschen schmeckt besser als in Buenos Aires. Aber an die completos mit Avocadopaste in Santiago de Chile und Valparíso kommt er nicht heran. Ich esse übrigens in meinem chilenischen Tempo – Herr T. isst heute trotzdem schneller.

Herr T.: Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufer. Der Teufel verändert dich.

CW: Herr T. hat keine innere Ruhe. Jetzt fängt er schon wieder damit an, dass er ganz schnell weiter will. Sein Ziel ist der südwestliche Zipfel Boliviens mit dem Salar de Uyuni, der größten Salzwüste der Welt. Dabei haben wir doch so viel Zeit: zehn ganze Tage. Wir sind diesmal im Flugzeug angereist und haben uns so eine 24 Stunden und 1600 Kilometer lange Busfahrt von Buenos Aires nach Salta erspart. Warum hetzt der Kerl mich so?

Herr T:
1. Es sind 11 Tage und die sind schnell um!
2. Es war CW, der es in seinem Gram vermochte, sowohl über das Zeit- als auch über das Geldersparnis zu seufzen, weil er ja lieber Bus gefahren wäre.
3. Wer sorgt denn bitte für Stress? Wer lässt im Taxi vom Flughafen Salta zum Hostel sein Mobiltelefon liegen?

CW: Unser Taxifahrer, Mitte fünfzig, hatte erzählt, dass er seit 20 Jahren in Salta lebe, aber aus Buenos Aires stamme. Ein Porteño! So wie ich. Man erkennt sich, man mag sich, man versteht sich, man vergisst vieles um sich herum. 

Herr T.: Jedes Gespräch mit einem Fremden - wirklich jedes! - beginnt CW damit, dass er sich nach dem Lieblingsfußballklub erkundigt: „Che, tenes un equipo favorito? Sos de Boca o de River?“ 
Unser Taxifahrer war Fan von River; und CW gab sich entrüstet, wirbelt mit den Armen. Eine perfektionierte Geste. Dabei basiert doch sein ganzer Wortschatz darauf, die Todfeinde seiner geliebten Boca Juniors zu treffen. Er spult dann einstudierte Sätze ab.

Ich frage mich, was passiert, wenn CW wirklich mal einen Boca-Fan trifft – dann hat er nämlich gar keine Worte.


CW: Der Taxifahrer, der Porteño, hat mir, dem Porteño, das Mobiltelefon selbstverständlich zurückgebracht. 

Herr T.: Schon wieder das Porteño-Gerede und das Handy ist doch sowieso nur eine Attrappe. Klingelt nie.

CW hat übrigens auch in deutsch einen rudimentären Wortschatz. Er kommt nahezu ohne Verben aus und beschränkt sich aufs Ausspucken von Substantiven, wenn er etwas sucht oder braucht und auf meine Hilfe angewiesen ist. „Cola!“ – „Shampoo?“ – „Scheiß Handtuch?“ – „Dreckstelefon?“ – „Kohle!“ 
Jetzt, nachdem wir auf der Plaza 9 de Julio zu Abend gegessen haben und die Superpanchos das Problem unseres Verdauungsapparats geworden sind, ruft er: „Mate!“ Er braucht einen neuen Becher, weil er aus Buenos Aires keinen mitgebracht hat, und kauft schließlich einen silbernen Touristenmate von Salta. Zur Erinnerung: Sein ihm teuerster Becher ist ihm während der Fahrt von Chile nach Buenos Aires in das Busklo gefallen.


CW: Noch vorm Einschlafen denkt Herr T. an den Salar de Uyuni. Und in der Nacht wirft er sich und her. 

Herr T.: Ich kann nur nicht schlafen, das ist alles. Wir haben ein nettes Hostel gefunden - Ich habs organisiert - und natürlich wieder die teure Pärchensuite genommen, weil CW ja nicht mit Fremden im günstigeren Achtmannzimmer übernachten will. Wir fühlen uns wohl – nur die Kissen stören. Es sind bezogene Gartenmöbelpolster: flach und hart. Und das Bett ist so eng, dass mich CW nachts mit seinen langen Fußnägeln kratzt.

CW: Ja, tut mir leid, ich habe die Fußpflege in Buenos Aires nicht mehr geschafft. Länger als der Nagel vom großen Onkel rechts ist nur noch diese Nacht. Ich erwache um 5 Uhr und bin gleich topfit. Ich will jetzt Salta sehen. Die Argentinier nennen die Hauptstadt und ihre Provinz „la Linda“, „die Schöne“. Und für das Schöne bin ich ja immer zu haben. Aufstehen, Herr T.!

Herr T.: Wer mit CW übernachtet, braucht keinen Wecker. Alles bereitet dem Mann Mühe: das Zähneputzen, das Duschen, das Anziehen. Er kämpft sich allmorgendlich ins  Leben zurück und lässt mich daran gern teilhaben. Bei CW wird in den ersten 15 Minuten nach dem Aufstehen heftiger gestöhnt als in jedem zweistündigen Porno. Von wegen topfit!

CW: Zweistündige Pornos. Es gibt zweistündige Pornos?

Herr T.: Ja. Hab ich jedenfalls gehört.


CW: San Bernardo heißt der Hügel über Salta. Wir fahren mit dem teleférico, der Gondelbahn, hinauf. Oben erkennt man, was man unten bestreitet: dass in der Provinzhauptstadt 465.000 Menschen leben. Es ist ziemlich warm, und trotzdem treiben ein paar Irre Sport. Männer stemmen Gewichte, die Frauen fahren Fahrrad und machen Gymnastik.  



Herr T.: Ein bisschen Sport könnte CW auch nicht schaden. Dann müsste er nicht immer schwarze Klamotten tragen, um seine Fettpolster zu verbergen. Ich schlage also vor, dass wir am Stand mit der Aufschrift „Downhill“ Mountainbikes mieten und uns den San Bernardo hinunterstürzen.  Das Tempo würde gleich CWs Falten glattbügeln.

CW: Welche Falten? Vorschlag abgelehnt.


Herr T.: Seit unserer ersten gemeinsamen Tour im Dezember nach Chile weiß ich, dass sich CW gerne entblößt. Ich bin also nur mäßig überrascht, dass er sich auch in der Gondel entkleidet, die uns wieder nach unten bringt. Alleine in einer engen Gondel, gefühlte 100 Meter über dem Erdboden mit einem halbnackten, 10 Jahre älteren Mann. Kein Wunder, dass wir aus den Gondeln, die von hinaufkommen und ans uns vorbeiziehen, fotografiert werden.

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