Kleiner Exkurs: Die Provinz in der wir uns befinden, heißt Jujuy. Die Hauptstadt dieser Provinz (San Salvador de) Jujuy. Ausgesprochen wir es "Chuchui". Als ich dies einer Französin erzählte, kam sie aus dem Lachen nicht mehr hinaus. Jujuy ähnelt dem französischen "coucouilles", was wohl soetwas wie Hoden bedeutet.
Noch immer in Purmamarca. Nach kleiner Klettertour finden wir uns beim Abendkaffee wieder.
CW: Der Mann, den wir am Abend in Purmamarca treffen, ist ein
Peronist der ersten Stunde, also ein alter Anhänger jener politischen Bewegung,
die Argentinien seit mehr als einem halben Jahrhundert bestimmt, kontrolliert und
beherrscht. Er hat Juan Domingo Péron, ihren Stammvater, einst sogar getroffen.
Jetzt zerlegt er direkt auf der Tischdecke ein Alfajor mit dem Messer in Einzelteile.
Herr T.: Eine schöne Sauerei ist das. Die nächsten zwei Stunden
wird er mit den nicht gegessenen Krümeln spielen, sie mit der Hand zusammenfegen
und aufs Neue über die Tischdecke verteilen. CW hat sich einen Mate bestellt, unser
Gastgeber trinkt Tee und ich Kaffee. Die Ehefrau sitzt übrigens in der Küche und wartet geduldig, bis die Herren ihr Gespräch beendet haben. Wie es sich für eine Frau gehört - Vor 50 Jahren jedenfalls.
CW: Ich weiß, dass Herr T. auf ein Abendessen spekuliert hat,
als wir um halb acht ankamen. Er wird es in seinem Jahr in Buenos Aires nicht einmal
zum Viertelargentinier bringen. 19.30 Uhr – das ist in diesem Land Kaffeezeit.
Herr T.: Wir haben doch erst vor zweieinhalb Stunden gegrilltes
Lamafleisch gegessen. Angeblich das einzige Fleisch ohne Cholesterin. Wie köstlich! Also ich
denke nicht schon wieder ans Essen.
CW: Wir sind mitten in der Geschichtsstunde. Unser Gastgeber
erzählt, wie das in den dreißiger Jahren – ohne Radio, Fernsehen, Telefon, Internet
– als kleiner Fußballfan in Purmamarca so war. Einmal die Woche, immer
mittwochs, kam ein Zug aus Buenos Aires vorbei und brachte die Zeitung vom Sonntag
mit. Darin standen die Ligaergebnisse vom Wochenende. Erst jetzt erfuhren die Jungen
und Alten in Purmamarca, wie ihr Klub gespielt hatte. Den Rest des Tages verbrachten
die Kinder damit, auf der Plaza die Spiele zu diskutieren.
Herr T.: Ich trage mal nach, dass immer ein Mann aus Purmamarca
zum Bahnhof ritt, natürlich auf einem Lama, und die Zeitung holte. Heute ist das Dörfchen überflutet von Touristen und Backpackern.
CW: Schon gut. Weil meinen Kopf das Übersetzen ungeheuer anstrengt,
brauche ich manchmal eine Pause und schalte ein paar Minuten ab. Ich nicke nur noch,
sage „ja … ja … ja … hmmm“, und als wäre ich Homer Simpson, klappert eine Affe in
meinem Kopf mit zwei Topfdeckeln.
Herr T.: Es ist auch nicht ganz leicht, unseren Peronisten der
ersten Stunden zu verstehen. Er hat die linke Backe voller Koka, eine tischtennisballgroße
Beule, die natürlich nicht unbedingt die klare Aussprache erhöht.
CW: In der Wohnung stehen 50 Pokale, weil der Mann Präsident
eines Fußballklubs in Jujuy ist. Sie seien bei ihm sicherer als im Vereinshaus,
sagt er. Viele sind bis zu einem Meter groß und wunderschön. Es funkelt von allen
Seiten. Ich habe früher auch ein paar Jahre im Verein Fußball gespielt, aber nie
was gewonnen. Ich besitze nur eine Tüte voller Medaillen von meiner Karriere als
Schachspieler (1984 bis 1990). Ich war ein paar Mal Schul- und Kreismeister meines
Jahrgangs – aber solche glitzernden Pokale, nein, die gab es nicht.
Herr T.: Habe ich mich verhört, oder hat CW soeben tatsächlich
gefragt, ob er nicht einen dieser goldenen Staubfänger mitnehmen könne?
CW: Mein Gott, es fiele doch gar nicht auf, wenn eine Trophäe
– nur eine, die große dort oben – fehlen würde. Auf die leere Stelle kann unser
Mann ja das Glas Salta-Marmelade stellen, das wir als Gastgeschenk mitgebracht haben.
Herr T.: CW gibt nicht auf. Könnten wir vielleicht das Thema
wechseln? Immer nur Fußball.
CW: Die argentinische U20 hat übrigens gerade die Qualifikation
für die Nachwuchs-WM in der Türkei verpasst. In der ersten Liga ist das Niveau zum
großen Teil unterirdisch. Selbst die bekannten Mannschaften kommen selten über Gebolze
hinaus. Es fehlt überdies das Geld, um gute Spieler zu halten. Wer in Argentinien
mit dem Ball was kann, geht nach Europa, wo er mehr verdient.
Herr T: Ja … ja … ja … hmmm.
CW: Am nächsten Morgen wollen wir zu den Salinas Grandes fahren,
dem 12000 Hektar großen Salzsee. Von Purmamarca sind es dorthin nur 65
Kilometer bergauf. Zweieinhalb Stunden später werden wir zurückkehren und gleich
den ersten Bus weiter gen Norden besteigen, so dass wir noch am Abend die bolivianische
Grenze erreichen. Wir haben zum ersten Mal einen Plan.
Leider ist der erste Bus zu den Salinas Grandes schon voll. Aber
der nächste fährt in 40 Minuten, und wir melden uns an.
Herr T.: Nach diesen 40 Minuten fährt der Bus dann in weiteren
40 Minuten …
CW: … und wir sind mittlerweile lang genug im Land, um zu wissen,
dass es nach diesen weiteren 40 Minuten heißen kann: Gleich geht’s los.
Herr T.: Also irgendwann. Sobald der Bus voll ist. Die Typen
sind auch seltsam. Stehen einfach an der Strasse und rufen: „Salinas, Chicos.
Salinas.“ Kein Büro, kein Schild, kein Firmenname. Nur Maenner mit Autos, die
man in Deutschland Familienkutschen nennen wuerde. Kein Wunder, dass sich
niemand so recht dazu gesellen will.
CW: Wenn wir es heute noch bis zur Grenze schaffen wollen,
sollten wir jetzt aufbrechen. Wir müssen doch ein paar Meter hinauf. Purmamarca,
wo wir jetzt sind, liegt auf 2192 Metern – unser Tagesziel, der argentinische
Grenzort La Quiaca, auf 3442. Wir verschieben die Salinas-Tour auf unsere Rückkehr
und verabschieden uns von Alfredo. Er steht vor einem Souvenirladen, einem eher
teuren allerdings, ja, er ist der Inhaber und inzwischen etwas aufgetaut. Er reckt
den Daumen und freut sich auf ein Wiedersehen in drei, vier Tagen. „Buen viaje,
chicos!“
Herr T.: Wir müssen jetzt zu einer Stadt, deren Namen wir bis
ans Ende unserer Reise nicht werden korrekt aussprechen können: Humahuaca. (Mansagt: „Umawacka“.) Angeblich soll dieser Ort, 2989 Meter hoch gelegen, der schönste
der ganzen Schlucht von Humahuaca sein.
Herr T.: Das kann ich bestätigen.
CW: Das Denkmal ist dann aber nur „ein Beispiel für den indigenismo“, wie der Reiseführer schreibt,
„eine weit verbreitete Mode in der lateinamerikanischen Kunst, in der auf romantische,
aber herablassende Art die Tugenden der indigenen Bevölkerung angepriesen werden,
die vom Kolonialismus überrollt wurde“.
Herr T.: Wir platzen ohnehin hinein in den Karneval. Es wird
nicht der letzte sein auf dieser Reise, sondern: der erste von vielen anderen. Kinder
bespritzen sich mit Dosenschaum, es wird gesungen und sich mit Talk eingeschmiert.
CW: Wir sind, zugegeben, ein bisschen deplatziert: Ich mag Karneval
nicht, und Herr T. hat keinen Humor.
Herr T.: Wie jetzt? Keinen Humor? Ich bin doch lustig. In CWs Augen ist ein seltsames Leuchten. Es scheint,
als würde er sich geradezu wünschen, auch mit Talk eingeseift zu werden. Er ist
sowieso seit gestern merkwürdig. Er streunt jetzt dauernd um die Verkaufsstände
mit den Ponchos herum. Er befühlt minutenlang den Stoff, lässt sich ausgiebig beraten,
wie ein italienischer Herrenausstatter auf der Suche nach neuen Stoffen – und kauft
im letzten Augenblick doch wieder nichts.
CW: Noch 150 Kilometer sind es bis zur Grenze. Wir haben diesmal
keinen Sitzplatz bekommen, lassen uns deshalb auf der Treppe zum Oberdeck nieder
und schauen direkt ins Cockpit des Busses. Fünf Männer halten sich dort auf. Sie
teilen sich erst einmal eine Ziege in Broilerform; während sich der Fahrer ein Stück
abreißt, hält er das Lenkrad wegen der fettigen Hände mit seinen Ellenbogen
Herr T.: Vor uns stillt eine Frau ihr Baby. Da mach ich mal die
Augen zu. und dämmere weg. Es reicht ja, wenn CW glotzt.
CW: Herr T. und ich sind übrigens die einzigen Weißen im Bus,
wenn ich das richtig sehe. Und jetzt schläft er fest und pendelt dabei immer ein
bisschen hin und her. Der Copilot sieht das gar nicht gern, er hat Angst, dass ihm
der Blasse ins Cockpit fällt. Er gibt mir ein Zeichen, dass ich Herr T. wecken soll,
und reicht uns eine Handvoll Kokablätter.
Herr T.: Ein Stück von der Ziege hätte ich genommen, aber Koka
– nein, danke. Das überlasse ich dem Überintegrator CW.
Herr T.: Dass Koka Hunger, Schmerz und Kälte weniger stark erscheinen
lässt, habe ich auch gelesen. Aber beim Probanden CW ist davon nichts zu spüren.
Er klagt und schmatzt, er schmatzt und klagt. „Ich will einen Poncho und einen Pancho“,
sagt er. Und riecht dabei immer strenger nach der Pflanze.
CW: Weil wir ja gleich in Bolivien sind: Das Land wird von einem
früheren Koka-Bauern regiert, der gerne Pullover und Lederjacke trägt. Evo Morales
ist nicht nur der erste bolivianische Präsident indigener Herkunft, sondern auch
eine der seltsamsten Figuren eines mit seltsamen Figuren reich ausgestatteten Kontinents.
Morales wuchs mit sechs Geschwistern in Armut auf, von denen nur zwei überlebt haben,
und arbeitete in seiner Jugend als Lama-Hirte, Bäcker und Maurer. Berühmt gemacht
hat ihn sein Slogan: „¡Coca sí! ¡Cocaína no!“ Er hat die Vernichtung von Kokaplantagen
ausgesetzt, er will den Anbau verstärken und sucht nach Exportmöglichkeiten.
Dabei geht es allerdings um alternative Kokaprodukte und nicht um Kokain.
Andererseits verstaatlicht der Linkspopulist, was sich verstaatlichen
lässt, tanzt den Vereinigten Staaten auf der Nase herum und hat, wie die Frankfurter
Allgemeine Zeitung kritisiert, „die Gewaltenteilung praktisch ausgehebelt und vor
allem die Justiz fast in die Handlungsunfähigkeit getrieben. Das Oberste Gericht
ist nicht existent, die Zentralbank, der Rechnungshof und die Staatsanwaltschaft
sind von ihm an die Kandare genommen worden“.
Herr T.: Ja, Geduld ist nicht CWs Stärke.
Kurzzeitgedächtnis ebenso wenig. Vergisst er doch stets, in welchem Ort wir gerade
sind und fragt regelmäßig, damit er beim Posten in Facebook keine Fehler
macht. Wir sind noch lange nicht in Bolivien – hat er schon vergessen, was in meinem
Reiseführer steht? Bolivien ist das „am schwersten zugängliche und
raueste Land der südlichen Hemisphäre“.
CW: Papperlapapp. Ich habe schon Grenzen schon überwunden, als Herr T. noch
in Windeln lag. Neunzehnhundertneunundachtzig!
Herr T.: Abwarten. Unser Grenzgänger kann gleich zeigen, was er draufhat.
Wir sind nämlich jetzt in La Quiaca und mittlerweile 300 Kilometer entfernt von
San Salvador de Jujuy. Ich bin mal kurz weg, fix austreten auf der Bahnhofstoilette.
CW hat bestimmt wieder irgendwas zum Zitieren, um die Zeit zu überbrücken.
CW: Hui, klingt aber gar nicht gut. „Eigentlich gibt es keinen Grund, in
La Quiaca länger als nötig zu verweilen“, schreibt der Reiseführer. Wird Herr T.
denn noch mal fertig? Er will gerade die Kabine betreten, als er ein bisschen Platz
machen muss für die Toilettenfrau. Sie schiebt mit dem Schrubber braunen Schlamm
über den Boden zum Ausgang. Herr T. guckt, als wäre der braune Schlamm das, was
ich vermute.
Herr T.: Nur noch weg. Ich! Muss! Das! Ganz! Schnell! Vergessen! Hallo
Würgreflex! Lange nicht gesehen.
CW: Wir brauchen zum Grenzübergang nur zehn Minuten zu Fuß. Aber schon von
weitem sehen wir die Warteschlange. Das kann dauern.
Herr T.: Es ist kalt hier oben, und es fängt an zu regnen. Nach 20 Minuten
hat sich die Schlange einen Meter bewegt. Bleiben noch 149 bis zum Schalter.
CW: Wir müssen jetzt handeln. Dort im Reisebus sitzt ein Junge, ich klopfe
mal an die Scheibe und frage, ob sich das Überqueren der Grenze auf irgendeine Art
beschleunigen lasse. Es gebe Männer, die helfen könnten, sagt er. Und wie lange
dauert es ohne die? „Drei bis vier Stunden.“ Also gut, was kosten die Männer? „Weiß
nicht.“
Herr T.: 148 Meter.
CW: Der Junge aus dem Bus geht zu einem Mann, der eine rote Schirmmütze des
argentinischen Fußballklubs Independiente trägt und weiter vorne neben der Schlange
auf der Mauer sitzt. Sie reden miteinander, und der Junge scheint auf uns zu zeigen.
Die beiden haben aber keine Eile.
Herr T.: 147.
CW: Dann geht alles ganz schnell. Das Rotkäppchen holt uns aus der Schlange,
führt uns zu zwei Frauen, die mit einem Baby an der Mauer lehnen; der Busjunge ist
auch noch da, und wir geben Rotkäppchen unsere Reisepässe.
Herr T.: Äh ja, der fremde Mann hat unsere Reisepässe und ist weg.
CW: Stimmt.
Herr T.: Ich habe noch eine Kopie in meiner Hosentasche.
CW: Ich nicht.
Herr T.: Wir haben das Baby.
CW: Gewissermaßen. Es schläft, dick eingewickelt, im Arm der Mutter.
Herr T.: Ich gehe mal ein Stück näher ran. Sicher ist sicher.
CW: Mir scheint, das ist eine Schleuserfamilie.
Herr T.: Die Mutter und diese andere indigene Frau, vielleicht ihre Schwester,
reden abwechselnd auf uns ein. Der Busjunge hält auch nicht immer die Klappe. Ich
verstehe kein Wort.
CW: Wir haben keine Pässe mehr, uns ist kalt, könntet ihr bitte langsamer
sprechen?
Herr T.: Und aus dem Nichts sagt CW: „Ich glaube, ich bin der erste in Deutschland geborene indigene Porteño der Welt.“
Fortsetzung folgt

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