(San Salvador de) Jujuy
CW: Herr T. hat über seine Arbeit wieder einen Kollegen aufgetan, der sich um uns kümmern will – wie auf unserer ersten Reise René, der Superchilene. René hatte uns acht Stunden durch Santiago gefahren, ein Armenviertel und ein Museum gezeigt, uns abgefüttert und abgefüllt.
„Kommt nach Jujuy, alles ist vorbereitet, ich warte am Busbahnhof“, sagt nun Pedro am Telefon. Also brechen wir am nächsten Morgen mit dem Bus aus Salta in die Nachbarprovinz auf, ohne zu wissen, was uns in der Hauptstadt San Salvador de Jujuy erwartet.
Herr T. hat diesmal ein sehr dickes Reisebuch mit: „Südamerika für wenig Geld“. Ich lese, dass Jujuy im Unabhängigkeitskrieg eine wichtige Rolle gespielt habe. General Belgrano ließ alle Einwohner evakuieren, damit sie nicht von den Royalisten gefangen genommen würden. Der „éxodus jujeño“, der „Auszug aus Jujuy“, wird bis heute jedes Jahr im August eine Woche lang gefeiert.
Herr T.: Ach René war echt super. Er hat sich sogar eine Postkarte von uns verdient: Am Busbahnhof steht wie verabredet Pedro – mit seiner Frau.
CW: Unser „éxodus jujeño“ dauert genau 35 Minuten. Herr T. wird von Pedro direkt zum nächsten Reiseschalter geführt. Unsere Tickets sind schon reserviert und müssen nur noch bezahlt werden. Herr T. zögert kurz – und öffnet dann sein Portmonee.
Herr T.: Wir fahren nach Purmamarca.
CW.: Wohin?
Herr T.: PUR-MA-MAR-CA. Das ist eine alte Inka-Siedlung.
CW: Was sollen wir dort?
Herr T.: Keine Ahnung. Irgendjemanden unbedingt treffen oder so. Hör auf zu fragen, Pedro guckt schon komisch.
CW: Zum Abschied sagt Pedro, dass uns in Purmamarca Alfredo vom Bus abholen werde. Alfredo?
Herr T.: Alfredo. Schnauze, CW.
CW: Wir fahren von Jujuy direkt hinein in ein Weltkulturerbe der Unesco: die 150 Kilometer lange Schlucht von Humahuaca (Quebrada de Humahuaca), durch die einst die koloniale Postroute nach Potosí führte und heute die Nationalstraße 9. Höhe: 1900 bis 3400 Meter über dem Meeresspiegel.
Herr T.: CW hat schon vorgesorgt und in Salta Kokablätter gekauft – in einem Souvenirladen, das Tütchen für 5 Pesos. Er riecht jetzt mitunter etwas streng, auch aus dem Mund und schmatzt fröhlich. Von nun an wird er nur noch Schmatzbär genannt.
CW: „Die malerische Landschaft besteht aus farbenprächtigen kahlen Hügeln und winzigen Dörfern“, steht in Herrn Ts. Reisebuch. Mein Reisebuch hat natürlich ein ganz anderes Niveau: „Gesteine marinen Ursprungs aus dem Präkambrium und Paläozoikum mit meist recht dunkler Einfärbung von grünlichem bis bläulichem Grau oder kambrische Gesteine in Rosa, Grün und Braun.“
Die so genannten Quechua-Bauern bauen vor allem Mais an und züchten magere Rinder.
Argentinien sieht hier schon aus, wie ich mir Bolivien vorstelle: Die Häuser sind Lehmhütten, und die Menschen haben eine dunklere Haut. CWs Angeberbuch entnehme ich, dass – bevor die Spanier die Region eroberten – hier die Völker der Omaguaca, der Tilcara und der Tilianes siedelten. Noch 170.000 ihrer Nachfahren sollen heute in dieser Berglandschaft leben.
CW: Als wir eineinhalb Stunden später in Purmamarca ankommen, ist kein Alfredo da. Wir warten 45 Minuten, wir sitzen im Staub, weil kein Weg des Ortes befestigt ist, wir wollen und können uns auch nicht entfernen, es könnte ja Alfredo kommen, der nach zwei Männern sucht. Ich habe kurz die Vision, dass Purmamarca zu unserem Goa wird und wir nie wieder wegkommen. Jedes Mal, wenn deutsche Touristen mit dem Bus anhalten, sagt der Reiseführer: „Die beiden dort drüben mit den langen weißen Haaren, sehen Sie sie? Deutsche. Jeder kennt die hier. Jeder kennt ihre Geschichte. Die warten auf Alfredo. Seit 20 Jahren. Für ein Foto verlangen sie fünf Pesos.“
Um uns herum sind nur Hippies mit aufgeschnallten Gitarren unterwegs.
Herr T.: Man möge CW das nachsehen, er ist ja schon älter und kennt die aktuelle Jugendkultur nicht mehr so richtig: Aber das sind keine Hippies. Das sind Backpacker.
CW: Und dann kommt ein Mann in Zeitlupentempo auf uns zu. Er scheint mir etwas sagen zu wollen, er öffnet die Lippen ungefähr zwei Millimeter und lässt etwas hindurch, mutmaßlich spanische Wörter, ich verstehe aber nur das letzte: álemanes. War es eine Frage? Ich nicke mal und folge ihm.
Herr T.: Ich habe gerade den Berg der sieben Farben angestarrt und gar nichts mitbekommen. Im Gehen frage ich CW, ob das Alfredo sei. „Glaube schon“, sagt CW. Dann frage ich den Mann, der Alfredo sein soll: „Bist du Alfredo?“ – „Si.“
Er ist nicht sehr gesprächig, er zeigt uns ein Haus, in dem wir uns irgendwann, heute oder morgen, ganz egal, einfinden sollen, um jemanden zu kennen zu lernen, er bringt uns in ein Zimmer und geht grußlos ab.
Herr T.: Wir klettern auf einen Hügel, der gegenüber vom Farbenberg liegt, und machen Fotos. Ich muss wieder aufpassen, dass CWs großes Riechorgan nicht mit aufs Bild kommt, als er sich mit dem Rücken zu mir stellt und posiert. Übrigens auch eine ganz schöne Berglandschaft, seine Nase. Nur weniger farbenreich. Aber wenn die Sonne weiter so glüht, dann hat er sie morgen rot.
CW: Dort unten ist das Haus, das uns Alfredo gezeigt hat. Gehen wir mal hin und schauen, wen wir kennen lernen sollen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen