Es war eine harte Woche. Viele Events bei der Arbeit und danach die Nacharbeit. Vorträge, Foren, Besuche. Viele Reden, noch mehr Notizen und unzählige Fotos. Bitte nicht falsch verstehen. Bei dieser kryptischen Aneinanderreihung handelt es sich um meine Arbeit. Sie ist spannend und macht mir Spaß. Aber nach 4 Nächten ohne mindestens 5 Stunden Schlaf werde ich dann doch ein wenig knarschig (Ja, die Probleme der ersten Welt).
Ich sitze mit meiner Arbeitskollegin aus Costa Rica bei einem Forum. Die Organisation lief etwas chaotisch, aber zum Ende hin doch gut ab. Nur war es bereits 22 Uhr und wir sollten noch Material ins Büro zurückbringen. Lotti bot sich an, brauchte jedoch meinen Schlüssel. Eilig kramte ich in meiner Tasche, drückte ihr den Schlüsselbund in die Hand und verschwand.
Als ich um kurz vor 23 Uhr den letzten Zug in mein Viertel verließ, wurde es mir klar. Ich hatte ihr ALLE Schlüssel gegeben. Auch meinen Haustürschlüssel. So stand ich da, ohne Schlüssel, ohne Akku im Handy, im Dunkeln. Dazu kommt, dass mir in jüngster Zeit immer wieder eingebleut wurde, wie gefährlich mein Viertel sei. Das sagen mir aber auch nur Leute, die nicht dort wohnen.
Ich überlegte, zurück zu fahren, doch müsste ich den Bus nehmen. Wann würde ich angekommen? Wäre dann noch jemand da? Zu riskant.
Ich könnte zu Freunden fahren. Ich wusste, wo Danü wohnt. Doch halt, die Klingel wusste ich nicht. Und wenn er nicht da ist? Zu riskant.
Von meiner Chefin kannte ich die Klingelnummer. Aber...es ist meine Chefin. Es war bereits 23:15 Uhr. Bei ihr klingeln um diese Zeit? Zu riskant.
Halt! Mein Vermieter wohnte doch am Ende der Straße. Er würde einen Schlüssel haben! Vor mir waren vier Klingelknöpfe. Ich drücke die 1. Nichts. 2 und 3. Nichts. 4 ganz lange. Nichts. Wieder die 1. Nichts. Nochmal die 4. Nichts....Ich seufzte. Trottete zurück zu meiner Wohnung.
Ich könnte hochklettern. Aber was, wenn mich jemand sieht? Einbrecheralarm? Mich in akzentstarkem Spanisch rechtfertigen, dass ich da wohne? Lieber nicht. Ich bin ja nicht Spiderman!
Wahrscheinlich werde ich auf der Straße schlafen müssen, dachte ich. Und sah mich schon zusammengekauert vor meinem Hauseingang.
23:45 Uhr klingelte ich bei unserem Nachbarn, einem Bäckermeister, der mit seiner Frau und frühreifen Tochter nebenan wohnt. Niemand macht auf. War ja klar. Ich klopfe an die Garagentür. Ein Junge öffnet mir. Ich erkläre ihm meine Situation. Ob er die Nummer meines Vermieters hätte, da sie ja Freunde seien. Nein, hatte er nicht, aber ich könnte übers Dach rein.
Übers Dach?, fragte ich. Er winkte mich hinein, führte mich durch die Werkstatt. Ein mir fremder Bäckerhelfer starrte mich an wie einen Eindringling. Ich nickte ihm zu. Danke, fürs Nicht-Aufmachen vorhin!
Eine Treppe führte hinten auf das Dach. Wir kletterten über Schutt und begaben uns zum seitlichen Rand...Da war meine Terasse. Jetzt müsste ich springen, sagte er mir.
0:10 Uhr lande ich unsanft auf meiner Terrasse. Der Nachbarsjunge erklärte mir, dass er das früher ständig machte, als noch die Mutter meines Vermieters in dem Haus wohnte. Vom Haustelefon rief ich meinen Vermieter an. Er verriet mir ein Versteck für den Ersatzschlüssel. Endlich konnte ich dir Haustür aufschließen. Mein Begleiter lehnte jedoch ab, die Tür zu nutzen. Er winkte mir zu und verschwand wie er gekommen ist: Über das Dach!
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