Montag, 8. Oktober 2012

Stadt der Toten


Es ist Sonntag der 30. September. Zusammen mit meiner Mitbewohnerin ziehe ich in Richtung Recoleta, das nächstgelegene Viertel. Da hier der Frühling anbricht, scheint die Sonne.
Das Schachbrettsystem der Stadt, macht es leicht sich hier zurecht zu finden. An den einzelnen Blocks kann man sich weitaus besser orientieren, als man es am deutschen Straßensystem je könnte. Jedoch funktioniert das hier auch nicht sooo gut. Vorbild war wohl das Blocksystem von New York, das 100x100m beträgt. Hier sind es aber 120x120m, was das System nicht funktionieren lässt. Die Hausnummern springen daher extrem hin und her. Wenn ich also eine Adresse suche, laufe ich fast jedes Mal daran vorbei.

Unser Ziel ist der Friedhof, der mitten in im Viertel Recoleta liegt. Laut dem Reiseführer ein Must-Have-Seen-Place in Buenos Aires. Und es stimmt. Umgeben von hohen Mauern und Wohnblöcken ist er damit ein totaler Kontrast zum rasenden Verkehr, aber auch ein Sammelpunkt für Touristen.

Der Eingang zum Cementerio de Recoleta
Dicht an dicht stehen hier die verschiedenen Mausoleen und Grabkammern der Reichen und Schönen nebeneinander gedrängt. Auch Evito Perón ist hier beerdigt worden, aber ich habe sie nicht gefunden. Es erscheint gar wie eine kleine Stadt der Toten. Man sieht deutlich, welche Gräber hier den Reichen gehören und regelmäßige Pflege geniessen und welche nicht. Während beispielsweise das Grab des ehemaligen Präsidenten Alfonsín komplett aus Marmor besteht und buntes Licht durch kolorierte Fenster scheint, sind andere Gräber aufgebrochen, Sargdeckel liegen neben den Särgen und Gebeine fliegen herum. Die Masoleen bestehen meist aus einer Kammer, die 1-3 Särgen Platz bietet und einer kleinen Treppe, die nach unten führt. Dort unten liegen dann weitere verstorbene Mitglieder der Familie. Unweigerlich spielt sich in meinem Kopf ein Endzeit-Zombie-Szenario ab. Dann wär hier aber die Hölle los.  

Es ist seltsam, dass ein Friedhof so schön sein kann. Man kann sich richtig entspannen, kurz den Lärm vergessen und Fotografieren.
Anfangs habe ich etwas Hemmungen Fotos zu machen. Immerhin bin ich auf einem Friedhof, aber hier machen einige Einheimische sogar kleine Shootings zwischen den Gräbern.
Ist wohl so, wie bei uns das Holocaust-Denkmal in Berlin.

Nach dem Friedhof verabschiedet sich meine Mitbewohnerin, weil sie noch ein weiteres Treffen hat. Ich gehe also weiter und erkunde einen Markt, der um die Ecke ist. Hier mein nächstes "großes" Problem.

Ich bin zu groß für dieses Land. Auf dem Markt muss ich mich unter jedem Zelt und unter jeden Stange regelrecht durchducken. Da hier die Zelte direkt nebeneinander stehen, entsteht für mich quasi ein Tunnel. Während ich gebeugt, fast wie ein Oger, Stangen und tiefhängenden Traumfängern ausweiche, wuseln neben mir die Argentinier um mich herum. Mit meiner Kamera bin ich nun offensichtlich als Tourist zu erkennen. Auf einem Markt nicht grade ein Vorteil.



Ansonsten werden hier nicht andere Dinge angeboten, als auf deutschen Handwerksmärkten. Zeichnungen von Tangotänzen, Lederwaren, Wollsachen, Schmuck und auch viele von den Calabazas, den Matebechern.

Den traditionellen Mate habe ich hier übrigens auch schon probiert. Mir schmeckt er nicht sonderlich. Auch wenn man ihn süßt, schmeckt er wie eine Mischung aus Spinat und Moos.
Aufgrund des Mangels von wirklich gut schmeckendem Bier, finde ich jedoch immer mehr Gefallen am Wein.
Wer hätte das gedacht?

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